Erinnern Sie sich!

Welche Ereignisse waren für Sie in letzter Zeit herausragend? Können Sie sich noch erinnern?

Es ist viel passiert: Die bewegende Freilassung von Deniz Yücel nach über einem Jahr Haft in türkischen Gefängnissen ohne Anklage. – Die Goldmedaille im Zweier-Bob: 3:16.860 min – Kanada und Deutschland beide in exakt derselben Zeit Olympiasieger! – Furchtbar das schlimme Flugzeugunglück im Iran.

Und auch wir haben unsere eigenen kleinen oder großen Erlebnisse: Führerscheinprüfung bestanden, Klassenarbeit verhauen, Geburtstag gefeiert, einen lieben Menschen zu Grabe getragen, neuen Job bekommen, arbeitslos geworden, Hochzeitsplanungen begonnen, zum Studium eingeschrieben, Urlaub gebucht, Kind geboren. Die Liste ist endlos.

Der kommende Sonntag heißt „Reminiszere“. Das erste Wort aus Psalm 25, Vers 6 in der lateinischen Bibel: Gedenke (= reminiscere), Herr, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind.“

Vielleicht haben Sie in letzter Zeit Dinge erleben müssen, die gar nicht so gut waren, oder jemand ging unbarmherzig mit Ihnen um. Gott dann barmherzig und gut zu nennen, fällt schwer. Erstaunlich ist: Der Psalmbeter ruft Gott auf, sich an seine Barmherzigkeit und Güte zu erinnern! Als wäre Gott ein alter Mann, den man an Dinge erinnern müsste. Und Gott ist im Gegensatz zu uns Menschen immer barmherzig und gut. Gerade dann, wenn es sich nicht so anfühlt. Aber weil Gott mit uns Menschen in Kontakt sein möchte, will er auch von uns angesprochen werden: „Erinnere Dich!! Ich brauche Deine Barmherzigkeit und Güte in meinem Leben, Gott!“

Wenn wir so beten, docken wir bei Gott schon an, wenn wir gerade das glatte Gegenteil erleben. Am Ende können wir aber vielleicht in Psalm 23 einstimmen und sagen:

„Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang!“

 Ich wünsche Ihnen diese lebenslange Erfahrung der Güte und Barmherzigkeit Gottes!

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Ansehen bei Gott

In den letzten Monaten und noch bis zu den Landtagswahlen sind viele Politiker auf der Suche nach Anerkennung und Ansehen. Sie wollen gewählt werden. Dafür tun sie (fast) alles. Sie werben für ihre politische Position, führen Gespräche, hören den Bürgerfragen zu, geben Antworten, diskutieren – alles für eine erfolgreiche Wahl.

Als Familie reflektieren wir beim Abendessen gerne den Tag. Wir merken, wie wichtig das für uns ist, den anderen zu sehen: was haben die Kinder erlebt, was geht ihnen durch Kopf und Herz; was haben wir Eltern erlebt (und vielleicht am selben Abend noch vor uns). Es ist wichtig wahrzunehmen, was war und was ist.

Beide Beispiele zeigen das zutiefst menschliche Bedürfnis: Wir möchten („an“-)gesehen werden; brauchen das Gefühl, wahrgenommen zu sein; brauchen Rückmeldungen, Feedback für das, was und wie wir es tun. Fehlt dies, verkümmern wir, verhungern innerlich, werden mürbe, letztlich stirbt etwas in uns. Ansehen und Anerkennung sind (über-)lebenswichtig. Unsere Identität wird dadurch gebildet. Ohne kann niemand wachsen und sich entwickeln.

Der kommende Sonntag heißt „Okuli“ (von lateinisch „oculus“Auge). Der Name bezieht sich auf Psalm 25,5: „Meine Augen sehen stets auf den Herrn, denn der Herr wird meine Füße aus dem Netz ziehen.“ Ein zweiter Vers ist dem hinzugestellt: „Die Augen des Herrn merken auf die Gerechten und seine Ohren auf ihr Schreien.“ (Psalm 34,16)

Beide Worte lenken den Blick auf Gott: Er hilft uns! Wie ein Kind, das Hilfe bei seinen Eltern sucht, dürfen wir Gott ansehen und von ihm Hilfe erwarten. Sie ist eine Form der Anerkennung, Fürsorge und Ausdruck der Liebe Gottes. – Und: Wir haben Ansehen bei Gott! Gott blickt uns an und hört zu. Wie stark unser Verlangen nach Anerkennung auch ist, die wahre Befriedigung dieser Sehnsucht finden wir allein bei Gott.

Wir warten

Wir warten auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt.

Wir warten, aber wir warten nicht mit gefalteten Händen im Schoß. Wir warten mit betenden Herzen und arbeitenden Händen.

Wir lassen uns nicht lähmen durch Resignation und nicht fesseln von eigensüchtigen Interessen.

Wir warten und hoffen auf eine neue Erde – und ein Stück vom Himmel ist immer in unseren Herzen, und auch durch die dunklen Wolken strahlt die Sonne der Hoffnung und der Freude auf, weil wir mit Gottes Verheißung leben.

WIR LEBEN!

Quito, Ecuador, März 1989 – gefunden auf einem Zettel, der mir gestern (!) aus meiner Bibel fiel! #ParisAttack 13.11.15; Absage #GERNED 16.11.15

Bewegung meines Herzens

Johannes Hartl hat in diesem Sommer mit „In meinem Herzen Feuer“ ein (Feuer-)Werk seines Lebens und Denkens vorgelegt, das seinesgleichen sucht. Dankbar und gewinnbringend habe ich dieses autobiographisch angelegte Buch über seine aufregende Reise ins Gebet regelrecht verschlungen.

Ein erster Blick ins Inhaltsverzeichnis verrät noch lange nicht, was sich hinter jedem einzelnen Kapitel verbirgt: Tief gehende biographische Erfahrungen zu jedem einzelnen Thema. Erst auf den zweiten Blick erschließt sich dem Leser die innere Logik und Systematik des Aufbaus. Der Autor und Gründer des Gebetshauses gewährt einen Einblick in die Seele eines Beters, der sich auf die Suche machte nach Gott, nach seiner Bestimmung und Berufung und sie schließlich – über viele Stationen über den ganzen Globus hinweg – auch fand: ein Leben des Gebets zu führen. Johannes Hartl nimmt uns mit auf eine beeindruckende, bewegende und abenteuerliche Reise. Dieses Versprechen wird absolut gehalten.

„Beten ist mehr Sein als Tun … mehr Wahrnehmen als Denken“ (S. 58) – Gebet wird zu einer „Bewegung des Herzens“. Die Essenz des Buches findet sich in diesen und vielen anderen kleinen Zitaten, die weit über den Text verstreut da liegen – gewissermaßen wie ein Erntefeld, bei dem man sich an köstlichen Früchten bedienen darf. Wo sonst erfährt man schonmal etwas über den Zusammenhang von Gebet und Schönheit, Aromen oder Kunst, Spielen, Staunen u.v.m.

Quelle aller Motivation ist die Begegnung mit und Erfahrung des Lebens Jesu Christi. „Und wer von Jesus fasziniert ist, der will mehr von ihm. Der stellt nicht mehr die Frage, was er tun muss, um gut zu leben, und was er alles nicht darf. Sondern er fragt, was seine Liebe zu Jesus fördert und was sie behindert.“ (133) Und so lernt der Leser gemeinsam mit Johannes Hartl das Staunen über Gott, denn Staunen sei der Anfang des Christentums (vgl. 136). Er begegnet Gott als unverrückbarem Mittelpunkt des Kosmos und will mit den Lobpreisleitern des Gebetshauses im Sinne von Offenbarung 4 „sehen, was die Engel sehen“ (185). Plötzlich bekommt die Zeit, die ich mir fürs Gebet nehme, eine völlig neue Qualität – es wird Zeit der Liebe, die wir im Überfluss haben. Gleichzeitig öffnet sich der Horizont des Liebenden: für ihn gibt es keinerlei Verschwendung, gerade weil er liebt. Denn: „Wer wirklich betet, dem wird das wichtig, was dem wichtig ist, den er liebt.“ (194) Die Verschwendung war bereits vorher Thema mit der ergreifenden Darstellung der Salbung in Bethanien und der nachahmenswerten Lebens- und Gebetshaltung Marias, der Schwester Marthas und Lazarus‘ (vgl. 177-181).

Seinen Höhepunkt erreicht das Buch für mich in den letzten Kapiteln, die von der Schönheit und dem Gebet als Kunst handeln. In schillernden Farben entfaltet Johannes Hartl hier seine Theologie der Schönheit und/oder Ästhetik, die sich aus allen möglichen Kunstbereichen (Musik, Bildhafte Kunst, Kochkunst usw.) speist. So wird das Gebet für mich zu etwas, das genossen werden darf und soll, denn „der Mensch ist für das Schöne erschaffen“ (211). So wird Gebet zur Kunst und als Kunst praktiziert. Diese Linie zieht sich weiter wie ein roter Faden und hinein in das Kapitel über das verliebte Gebet mit seinem Bild vom heiligen Kuss. Sehr bewegend und immer wieder lesenswert die Seiten über Jesu Umgang mit der Sünderin (216ff.; vgl. Joh 8). Ich merke, wie mich das nicht kalt lässt, dass auch ich wie die Sünderin zuerst von Gott geliebt wurde – Grundlage für das Spüren des Kusses Gottes an mir. Und so kommt es nicht von Ungefähr, dass sich auf der letzten Seite noch ein letztes Mal die Türe öffnet, besser gesagt der Hafen, der mein eigenes Gebetsschiff hinaus auf den Ozean treibt, um im Leben mit Gott einfach nur zu sein und ihn wahrzunehmen. Ich fühle mich erinnert an den lehrreichen Spruch: „Ein Schiff ist am sichersten im Hafen, doch dafür wurde es nicht gebaut.“ Das ermutigt mich, mich immer wieder von Gott an die Hand nehmen zu lassen und mit ihm in See zu stechen.

Man kann „In meinem Herzen Feuer“ auf dreierlei Art lesen: 1. In einem Durchgang von vorne bis hinten. Wer das tut, wird mit genommen auf die abenteuerliche Reise des Autors, die ihn nicht nur ins Gebet geführt hat. In vielen einzelnen kleinen und stets knappen Beiträgen aus unterschiedlichen Erlebnissen verschiedener Zeitpunkte seines Lebens entführt Johannes uns nach Kreta, auf den Athos, Jerusalem, nach Fernost, in die USA usw. Keineswegs nur nebenbei wird dabei die Geschichte des Gebetshauses Augsburg erzählt. Sie zieht sich im Grunde wie ein roter Faden durch das Werk. – 2. Lektüremöglichkeit: Wie ein Andachts- oder Gebetbuch – jedes Kapitel für sich als Einheit würdigend und sich dafür Zeit nehmend. Die knapp gehaltenen Abschnitte beleuchten je einen Aspekt aus der Welt des Gebets. Das erleichtert die Lektüre, lässt aber keineswegs den hohen Anspruch des Autors vermissen, in die Tiefendimensionen seines Erlebens Einblick zu gewähren und sich mitreißen und inspirieren zu lassen. Zum Beispiel: „Die Explosion – Gebet und Kraft“ – hier geht es um das Beziehungsgeflecht von Fasten und Gebet. Am Ende jedes Kapitels gelangt der Leser an eine „Feuerstelle“. Dort kann das Gelesene reflektiert, eingeübt werden oder sonst ein hilfreicher Impuls wird auf die je eigene Reise mitgegeben. – 3. Möglichkeit: Immer wieder ein Kapitel quer Beet lesen. Auch das hilft, sich noch einmal einen bestimmten Aspekt zu vergegenwärtigen. (Diesen Schritt empfehle ich erst nach erfolgter Lektüre und Vorgehensweise der ersten beiden Möglichkeiten.)

Mein Gebetsleben hat sich seit der Lektüre nachhaltig verändert. Danke Dir, lieber Johannes, für dieses inspirierende, ermutigende, herausfordernde, hilf- und segensreiche Buch. Ich wünsche dem Buch nach seiner zweiten noch weitere Auflagen und viele Leserinnen und Leser – und all ihnen das, was ein Leben des Gebets verheißt: Ein Leben in Fülle (Joh 10,10).

Die Sonne scheint über uns alle

Ich liebe den Sommer! Wenn ich bei Sonnenaufgang am Strand entlang jogge, muss ich an Gottes Größe und seine wiederkehrende und immer neue Güte für uns Menschen denken. Das erste Sonnenlicht taucht nach einer kühlen Sommernacht alles in ein goldenes Licht und die ersten Strahlen beginnen mich zu wärmen. Dann spüre ich: das brauche ich zum Leben. Gott meint es gut mit mir. Ohne sein Licht, seine Güte geht es einfach nicht.

Die Lichtverhältnisse bei Sonnenuntergang sind oft intensiver und vielgestaltiger. Fast alle Regenbogenfarben sind am späten Abendhimmel zu sehen. Und die Natur färbt sich je nach ihrer natürlichen Farbe (Baum, Strauch, Blume, Sand am Strand) in ein prächtiges Lichtspiel. Auch darin zeigt Gott mir seine Güte und mit den Farben des Regenbogens seine Gerechtigkeit.

Dann denke ich darüber nach, wie wir miteinander umgehen. Und ich summe das Lied, das wir im Gottesdienst manchmal singen: „die Sonne scheint über uns alle… – ich wünsche nur jedem, den Retter zu kennen, und Gott nicht nur Herr, sondern Vater zu nennen“. Gott lässt die Sonne über uns allen auf- und untergehen. Er unterscheidet nicht, schaut alle mit liebenden Augen an, möchte unser Vater sein. Diese Wahrheit ist für mich am frühen Morgen im wärmenden, wohltuenden Licht erkennbar. Dann wünsche ich mir jedes Mal, dass wir es schaffen, diese Welt in Frieden, Gerechtigkeit, mit Güte und der Wahrheit über unserem Leben zu verwalten.

„Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.“ (Epheserbrief, Kapitel 5, Vers 8b–9)

Dieser Aufruf des Paulus an uns drückt das vortrefflich aus: Lebt so, dass Ihr Gott als Vater erkennt und annehmt, lebt als seine untereinander gleichen Kinder, seid Lichtgestalten, die Gottes Wesen auf Erden offenbaren! So erlebt ihr untereinander die Früchte dieses Lebens mit Gott. Deshalb:

„Fang an den Tag mit Freude! Schau froh ins frühe Licht. Gott zeigt der Welt auch heute gar freundlich sein Gesicht. Er schenkt sich alle Morgen, schafft alles immer neu, und alles ruht geborgen in seiner Lieb und Treu.“ (Arno Pötzsch)

Aus Ruhe schöpferisch werden

Arbeiten im Schichtbetrieb, an Sonn- und Feiertagen, das kenne ich seit meiner Kindheit. Ich bin Teil einer Familie, in der Frauen dreier Generationen Krankenschwestern waren. Als Student habe ich selbst im Schichtbetrieb gearbeitet. Natürlich auch an Sonn- und Feiertagen. Vielen Menschen geht das auch so. Wie können wir aus dieser Perspektive über die Feiertagsheiligung reden? Gilt das Gebot immer noch? Was will der Sonntag in seiner Ur-Idee sein? Wofür gibt es ihn? Wie halten wir es mit ihm?

Ich arbeite jeden Sonntag, denn ich bin Pastor. Der Sonntag ist für mich ein ganz normalen Arbeitstag zu erleben. Mein „freier Tag“ ist der Montag. Nicht ganz leicht, ihn als freien Tag zu erleben, auch manches Mal zu verteidigen. Und mein Ruhetag beginnt leider auch nicht wie der traditionelle Sabbat mit Festessen und Andacht – am Sonntagabend. Für mich beginnt er traditionell meist mit dem Tatort und (wenn ich die Fernbedienung und mich selbst nicht im Griff habe) mit Jauch. Im Grunde ist der Montag ein ganz normaler Alltagstag. Früh morgens beginnt für die Familie die neue Woche. Schule, Kindergarten usw. Keine Ruhe oder Andacht. Stattdessen: Frühstück richten, Kinder zu Schule und Kindergarten begleiten, Einkäufe, den Tag und die Woche planen. Erst recht spät kehrt so etwas wie Ruhe ein. Zumindest bis zum (Nach-)Mittag. Der ist dann ebenfalls von Familienterminen geprägt. Den Montagabend haben meine Frau und ich dauerhaft für uns reserviert. Ganz sicher: ich bin nicht der einzige, dem es so geht.

 „Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligst.“ (2. Mose 20,8)

Dem vierten Gebot folgt eine Liste an negativen Begründungen beginnend mit Sätzen wie „Du sollst nicht…“. Zum Beispiel: keine Arbeit tun! Die Begründung nimmt aber eine Wendung (V. 11): In sechs Tagen hat Gott die Welt geschaffen. Am siebten ruhte er. Wir sollen es ihm gleich tun. Offenbar liegt auf diesem „Es-ihm-gleich-Tun“ eine Verheißung.

Unser Sonntag erwuchs aus dem jüdischen Sabbat. Juden lassen am Sabbat alles ruhen, um der Güte Gottes und seines Schöpfungswerkes zu gedenken. Nach dem Talmud kommt der Messias dann, wenn alle Juden ein einziges Mal den Sabbat ganz einhalten. Schaffen sie es zweimal, würden sie übrigens sofort erlöst. Christen gedenken seit Einführung des Sonntags wöchentlich der Auferstehung Christi. Das Kloster Taizé etwa feiert jeden Sonntag Ostern.

Weshalb sollen auch wir heute nach so vielen tausenden von Jahren diesen Tag heiligen, also für Gott reservieren, ihm weihen? Schon die Schöpfungsgeschichte antwortet: Gott segnete diesen Tag und erklärte ihn für heilig (1. Mose 2,3). Er ist schlechthin Höhepunkt der Schöpfung. Nach allem Geschaffenen, was lebt und von Gott gesegnet wurde, segnet Gott – ja: einen Tag! Gott segnet Zeit. 24 Stunden. Das sind 1440 gesegnete Minuten. Was hat Gott sich dabei gedacht?

Der Talmud findet einen Grund dafür in der Vorwegnahme der messianischen Heilszeit. Die Schöpfung wird vollendet am Ende aller Tage – danach gibt es nur noch Sonntage! Der Mensch soll einmal in der Woche einen Vorgeschmack auf die Ewigkeit bekommen. Auf unser Sein bei Gott, das Paradies.

Einmal wöchentlich abtauchen in die Ewigkeit; besser: aufsteigen in die Herrlichkeit. Aus dieser Perspektive lassen sich die anderen Wochentage gut überstehen. Sabbatruhe – das ist also weit mehr als Beine hoch legen, Kaffee und Kuchen konsumieren, Freunde Treffen und Tatort schauen.

Um den Sabbat durchzusetzen, ergingen von Gott zahlreiche weitere Gebote, die die Sache reichlich kompliziert machten. Selbst Jesus und seine Jünger kamen dabei mit dem Gesetz in Konflikt – könnte man sagen. In zahlreiche Diskussionen wurde Jesus mit den Pharisäern allein zu dieser Frage verwickelt. In einer davon sagt Jesus etwas ganz Entscheidendes:

„Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbat willen. So ist der Menschensohn ein Herr auch über den Sabbat.“ (Mk 2,27f.).

Nachdem die ganze Schöpfung vollendet war, wurde am Ende der Sabbat für den Menschen gemacht. Der Sabbat soll den Menschen zur Ruhe bringen. Auch er darf und soll sich wie Gott von seinem eigenen Schaffen ausruhen. Er darf den Blick wenden auf das Wesentliche seines Lebens. Durch einen einzigen gesegneten Tag erhält die ganze restliche Woche eine andere Qualität. Sie erhält den Geschmack der Unendlichkeit. Und: Wer nur arbeitet, wird den tieferen Sinn dahinter nicht erkennen.

Auch Geschaffene sind Schaffende! Und unser Schaffen kann nur schöpferisch bleiben, wenn wir von Zeit zu Zeit zur nötigen Ruhe finden und uns auf das Wesentliche besinnen. Einmal in der Woche sich selbst ganz bewusst dem Gedanken aussetzen, dass wir auf unser ewiges Miteinander mit Gott zugehen. Wir werden an seinem Tisch sitzen, mit ihm das Mahl halten und Gemeinschaft haben. Einen Vorgeschmack dessen will uns der Feiertag sein: Gott begegnen im Gottesdienst, im Gebet, im Gesang, im Lesen und Hören seines Wortes, im gemeinsamen Festessen, dem Genuss von Speisen und Getränken, nicht zuletzt am Tisch des Herrn. Eine Feier soll stattfinden an jedem Feier-Tag. Sonst hieße er anders.

Gott führt uns in der Ruhe zu sich selbst. Und das Bei-Ihm-Sein ist Grund zum Feiern. Es braucht nur unsere innere Bereitschaft, zur Ruhe kommen zu wollen. Wo wir uns darauf einlassen, tauchen wir ein in ein geheimnisvolles Miteinander mit Gott.

Es ist nicht wichtig, wann und wo wir „unseren“ Feiertag heiligen. Wichtig ist, dass wir es tun und dass wir es regelmäßig tun. Geht es am Sonntag mit Gottesdienst und Gemeinschaft nicht, dann vielleicht alleine am Montagvormittag, wenn alle aus dem Haus sind, Dienstagabend im Hauskreis, Donnerstag im Lobpreisabend. Egal wie: Nur, wer von Zeit zu Zeit zur Ruhe kommt, kommt in den Genuss der Herrlichkeit Gottes schon jetzt. Das gibt neue Kraft für den Alltag und lässt uns schöpferisch bleiben.

„Selber denken“

Aschermittwoch – Gedanken zur Fastenaktion 2014

Die Fastenzeit hat begonnen. Noch sieben Wochen bis Ostern. Sieben Wochen Zeit für Christen weltweit, sich auf das für sie Wesentliche zu besinnen.

„Sieben Wochen ohne falsche Gewissheiten“ lautet die Fastenaktion 2014 der Evangelischen Kirche. Zum „Selber denken“ werden wir ermuntert. Sich nicht so viel einreden lassen.

Fernsehen, Radio, Internet, soziale Netzwerke usw. versuchen uns immer wieder mit Gewissheiten zu versorgen, die sich bei näherer Betrachtung als Unwahrheiten herausstellen (können). Sorglos setzen wir das Häkchen bei den AGB beim Internetkauf, vertrauen WhatsApp und Facebook unsere Daten an, glauben vermeintlichen kostenlosen Angeboten, die später doch Geld kosten. Nun also sieben Wochen selber Denken! Nachfragen und Neudenken sind gefragt. Aber: Was hat das mit Fasten zu tun?

Der deutsche Begriff „Fasten“ bedeutet ursprünglich „(an etwas) festhalten“, „beobachten“, „bewachen“,„sich (selbst) entscheiden“. Das heißt konkret: Ich entscheide mich selbst. Ich halte daran fest, selber zu denken. Ich verlasse mich nicht (mehr) auf falsche Gewissheiten. Ich benutze meinen eigenen Kopf.

Was für ein „Selbst-Denkertyp“ sind Sie? Die Evangelische Kirche bietet den ultimativen Test an. 😉 Der fragt am Schluss fast schon ironisch, weshalb man den Test überhaupt mitmacht. Mit meinem Ergebnis bin ich ganz zufrieden: „Blind einer Herde hinterher laufen, gefällt Ihnen gar nicht. Vermeintlich unumstößliche Wahrheiten sind für Sie oft nur Meinungen, die sich durchgesetzt haben. Schön, dass Sie so viel überlegen.“ Na gut, denke ich, dann denke ich mal selbst und fest entschlossen weiter. Nur: Worüber? Natürlich: Über das Leben!

Erst vor kurzem haben wir die umstrittenen Olympischen Spiele in Sotchi und die Revolution in der Ukraine erlebt. Auch wir stecken mittendrin in unserer Lebens- und Gesellschaftsgestaltung. Auch bei uns herrschen soziale Not, Kinderarmut, Hilfsbedürftigkeit. Wie denken wir über Ungerechtigkeit, Lüge, Neid, Streit, Eifersucht, Jähzorn, Parteiungen? Und was tun wir dagegen? Wie kann das Leben geprägt sein von Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Treue, Respekt, Wertschätzung, Achtung, Gerechtigkeit?

Dazu einige Gedanken über den Anlass der Fastenzeit: Das nahende Osterfest. Da lebt einer ein vorbildliches Leben und macht sich damit extrem unbeliebt. Er wird deshalb zum Tode verurteilt, hingerichtet und erleidet einen qualvollen, erniedrigenden und entwürdigenden Tod. Und: Sein Tod bleibt nicht nutzlos. Er ist beispielhaft! Jesus Christus stirbt nicht „für eine gute Sache“. Er stirbt selbstbestimmt, um als lebendiger, auferstandener Gott, der den Tod besiegt hat, wiederzukehren. „Ich lebe – und ihr sollt auch leben!“, sagt Jesus uns. Seit Ostern steht fest: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Und eine Lebensperspektive, die über den Tod hinaus reicht, macht unser Leben lebenswert, sinnvoll – auch und gerade in Notzeiten.

Nach längerem Nachdenken reift in mir jetzt die wahre Gewissheit: Der lebendige Gott gibt meinem Leben Sinn und Perspektive! Das wird meinen Alltag und mein Handeln nachhaltig verändern – hoffentlich! Und ich lasse mir nicht mehr so viel einreden – auch: hoffentlich.

Denken Sie doch mal drüber nach.

Bedingungslose Freundschaft

Auf dem Höhepunkt der närrischen Zeit angekommen sind viele Menschen gut gelaunt, lustig, bunt angemalt, verkleidet usw. Viele liegen sich aus den verschiedensten Motiven buchstäblich in den Armen. Schlechte Gefühle – Fehlanzeige. Freundschaft, Feiern ist gefragt.

Aber was, wenn uns unsere Freunde enttäuschen? Was, wenn uns die Freundschaft gekündigt wird? Das fühlt sich nicht gut an. Starke Gefühle, Tränen, Frustration, Enttäuschung, Bitterkeit überkommen uns. Kein Ausweg, keine Versöhnung, kein klärendes Gespräch. Unbarmherzige Pattsituation, ein Gefühl der Ohnmacht – Ende.

„Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest! Um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen. Psalm 31, 3b+4b

Der Psalmbeter könnte seine Worte in eine solche Situation gesprochen haben. „Gott, wo mir der Boden unter den Füßen weggezogen wird, verhilf mir zu einem sicheren Stand. Gib Du mir Sicherheit, Schutz, Hilfe. Gib mir Orientierung – wie konnte das geschehen?“

Wie weit trägt ihre Freundschaft? Stehen Sie zueinander auch noch, wenn Sie enttäuscht werden? Stehen Sie einander bei, wenn sie ausgelacht, verachtet, verfolgt oder verdächtigt werden?

Freundschaft ist ein Qualitätsbegriff für eine gelingende, dauerhafte Beziehung. Und: Freundschaft bedeutet immer auch ein Opfer.

Jesus merkte das am eigenen Leib, als er in seinen Tod ging. Seine Freunde flohen am Ende alle, ließen ihn im Stich, gerade als er sie am dringendsten brauchte.

Freundschaft erfordert die Bereitschaft, Unangenehmes in Kauf zu nehmen, des anderen Leid und seine Marotten zu (er-)tragen. Das geht, wenn und weil der Wert einer Freundschaft nach anderen Maßstäben gemessen wird. Dann kann ich jemanden auch noch annehmen, wenn er mich bitter enttäuscht hat. Da erst zeigt sich, ob es wirklich Freundschaft ist.

Jesus blieb seinen Freunden treu – bis in den Tod und darüber hinaus. Nach Ostern bezeichnete er sie wieder als seine Freunde. Wahre, bedingungslose Freundschaft zeichnet sich im Wunder der Versöhnung aus: Wir können vergeben, verzeihen,  uns aussöhnen, uns selbst nicht so wichtig nehmen, wertschätzen, achten, respektieren, Interesse zeigen, gegenseitig dienen und lieben.

Nach all dem närrischen Treiben beginnt nächste Woche mit Aschermittwoch die Fastenzeit. Vielleicht nehmen Sie sich dann einmal sieben nüchternere Wochen Zeit, um über Wesen und Wert wahrer, bedingungsloser Freundschaft – unter anderem zu Jesus – nachzudenken.

(heute im Öffentlichen Anzeiger der Rhein-Zeitung für Bad Kreuznach erschienen)

In Klang gegossenes Gebet

Unscheinbar steht er am Rednerpult. Schlicht, einfach, in sich ruhend. Schon allein das äußere Erscheinungsbild ist für mich beeindruckend: Es hebt sich ab vom sonst üblichen Outfit eines Kongressredners – fast könnte man annehmen, es handele sich um seine Arbeitskleidung. Trachtenhemd, Lederhose, -weste, -mütze. Schwarzes Brillengestell. Schon in sich ein Kunstwerk.

Zuvor als Einstimmung Klänge eines Streichquartetts von Johann Sebastian Bach. Wir sind in Leipzig, der berühmten Bach-Stadt. Passend zu dem, was wir gleich erleben werden.

Durch seine Schlichtheit und Authentizität zieht Martin Schleske 8000 Menschen beim Leitungskongress in seinen Bann, nimmt uns mit hinein in seine Gedanken- und Glaubenswelt.

„Musik ist immer ein in Klang gegossenes Gebet.“

Gespannt lauschen wir seinem Vortrag über die „Heilige Verunsicherung“ in unserem Leben. Was kann man am Beispiel des Geigenbaus lernen für das Leben und den Glauben? Fasziniert höre ich ihm zu, sauge seine Gedanken auf, als wäre ich ein trockener Schwamm, der nur darauf wartet, gewässert zu werden. „Gott hat uns die Musik gegeben, damit wir die Welt ertragen können.“ – sagt Schleske und nimmt uns mit hinein in seine faszinierende, von christlicher Mystik wie philosophischer Weisheit durchdrungenen und dabei reichlich reflektierten Welt des Geigenbaus.

Ich fühle mich ihm gleich verbunden, spiele ich doch selbst seit meinem sechsten Lebensjahr auf einer Mittenwalder Geige (angeblich von Mathias Klotz – stimmt aber wohl leider nicht 😦 ).

Er holt mich ab mit seinen Gedanken vom Werkzeug, mit dem er der Geige und ihrem Resonanzkasten Form und letztlich Klang verleiht. Man kann mit einem abgestumpften Werkzeug immer noch seine Arbeit tun, weil es „schon noch reicht“ (ein oft gehörter Satz aus der Alltagspraxis eines Pastors). Aber: Mit einem abgestumpften Herz zu leben, bedeutet und erfordert ganz viel Kraft (vgl. Prediger 10,10)! Nur mit einem scharfen Eisen kann man eine gute Geige bauen. Ich beginne zu ahnen, was er mir als Pastor und Leiter einer Ortsgemeinde sagen möchte. „Leben bedeutet zu leben und zu gestalten, was Gott uns sagt.“ – Wie scharf oder stumpf ist mein Werkzeug, mit dem ich meine Gaben für Gott einsetze? Wie scharf oder stumpf bin ich selbst= Reicht es noch? Oder ist es geschärft? Bin ich scharf drauf, Gott mit ganzer Hingabe zu dienen?

Entlastend der Gedanke: Es ist nicht die Schuld des Eisens, dass es stumpf wird. Das liegt in der Natur der Sache. Es ist nicht schlimm, wenn wir stumpf werden, ermutigt Schleske mich. Aber es wäre fatal, wenn wir uns nicht schärfen ließen. „Wer sich schärfen lässt, erlebt seine Würde.“

Fasziniert von diesem Erlebnis stelle ich das Mitschreiben ein und sauge jeden seiner Gedanken als Ermutigung in mich auf. Und dann der Höhepunkt: Martin Schleske ergreift gegen Ende eine Geige, sein letztes Opus – drei Tage alt. „Ich spiele kein Musikstück – nur Töne.“ Und diese Töne erlebe ich als leibhaftes in Klang gegossenes Gebet. Einen gefühlten Vorgeschmack von Ewigkeit lang höre ich ihnen zu – und mit mir faszinierte und tief bewegte 7999 andere. Bis dieses Gebet der Töne einfließt in einen Choral, gespielt von einem Quartett bestehend aus Akkordeon, Balalaika, Klarinette und Violine – und dann singt die gesamte Halle erst leise summend dann laut bekennend miteinander „Großer Gott, wir loben Dich!“ – Diese Zeit der Anbetung Gottes im Klang der Worte und Instrumente gehört für mich zum formvollendetsten, und besten aller Plenarveranstaltungen, die ich je bei Willowcreek erleben durfte. Dankbar, dabei gewesen sein zu dürfen.

„Unsere Fragen sollen uns zu Suchenden machen, unsere Visionen zu Hoffenden, unsere Sehnsucht zu Liebenden.“ (Schleske, Klang, 17)

Ich mache mich gerne auf diesen Weg – und nehme meine Geige mit.