Gemeindebau à la Schleiermacher

„So macht Unterscheidung die Kirche gerade reicher, und die vorläufige Fixierung von Gegensätzen bringt den Prozess der lebendigen Circulation erst richtig in Bewegung. […] [Alles ist] auf Bewegung, Dynamik, Prozess, Wachsen und Werden von Kirche angelegt, weil der Heilige Geist das Band der Kirche ist, ein Geist, der zum Gemeingeist durch lebendige Circulation des religiösen Interesses in der Gemeinde werden will.“

Chr. Möller, Lehre vom Gemeindebau, Bd. 2, 24 (über Schleiermacher).

Ich beschäftige mich im Moment nicht nur beruflich immer wieder mit dem Thema Gemeindebau und -wachstum. Interessant, was Möller hier über Schleiermachers Ansatz schreibt: Die Unterscheidung von mehr Wirksamen und mehr Empfänglichen Menschen in der Gemeinde (eine Dissonanz, unter der insbes. Pastoren häufig leiden – ich auch!) soll fixiert, d.h. transparent gemacht und damit genutzt werden, um dadurch die zusammenstimmende Leitung der Gemeinde zu optimieren. Gerade also die Fixierung dieses Problem, also das Sich-bewußt-Machen dieses unausweichlichen Tatbestands jeder Gemeinde, kann letztlich sogar dazu verhelfen, Wachstum zu generieren und Gemeindebau zu erleben. – Ich finde das ermutigend und perspektivenreich.

Ich frage mich aber als Kirchenleitender dennoch: Wie kann ich denn nun dazu verhelfen, dass die Gemeinde lebendig und tätig ist in Gottesdienst, Erziehung und Diakonie?

Antwort Schleiermachers (nach Möller): „Je mehr Glieder der Gemeinde aktiv an diesen drei Bereichen beteiligt sind, umso besser! Ja, Schleiermacher regt sogar die Organisation eines Mitarbeiterkreises an, denn es gebe „kein anderes Mittel, den Gemeingeist zu erwecken, als indem man den Gliedern eine Thätigkeit anweist, wodurch sie davon die unmittelbare Erfahrung bekommen, daß sie zum WOhl des Ganzen etws leisten können‘ (483).“ (Möller, aaO, 28)

Dass also schon Schleiermacher an Gabenvielfalt dachte und Befähigungen durch Neigungen, liegt offensichtlich auf der Hand. Auch stand ihm als Vorbild für seine Vorstellung von einer wahren Kirche die Herrnhuther Brüdergemeine und die amerikanischen Freikirchen (!) vor Augen (vgl. Möller, aaO, 19). – Ich fühle mich bestätigt darin, dass wir Gabentests etc. durchführen, zumindest dann, wenn sie das hier beschriebene Ziel verfolgen.

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Feste Feiern

Eine der Kernkompetenzen unserer Gemeinde ist aus meiner Sicht (aber mit Sicherheit 😉 ) die Gabe der Gastfreundschaft und damit verbunden die Gabe, Feste zu Feiern bzw. feste zu Feiern. Zwar hören das manche schon garnicht mehr so gerne, wenn ich es immer wieder betone, aber es ist so. Und es war ein Grund für uns, als Pastorenfamilie genau hierher nach Bad Kreuznach zu kommen.

Nun lese ich gerade wieder mit sehr viel Gewinn für mich selbst das hochinteressante, bereichernde, weiterbringende, lesenswerte und deshalb empfehlenswerte Buch von Anselm Grün mit dem Titel „Im Zeitmaß der Mönche, Vom Umgang mit einem wertvollen Gut„. Er schreibt darin unter anderem im Abschnitt „Vom Rhythmus des Jahres und vom Zyklus der Feste“ (s. 71ff.) folgendes:

„Das Jahr ist von Festen durchbrochen, die der Zeit ein immer anderes Gepräge verleihen. … Die Feste erinnern die Menschen an die Urzeit, an die ursprünglich heilige Zeit und schenken ihnen Anteil daran. Die Feste sind wie eine Erneuerung der Zeit aus dem Ursprung heraus. Indem am Fest die heilige Zeit in unsere vergängliche Zeit einbricht, bekommt die verbrauchte Zeit wieder ihre Frische. Am Fest wird mitten in der Zeit das Ewige erfahrbar. Das Fest transzendiert den Alltag und gibt der Zeit, die ausgenutzt wird eine andere Qualität. … Feste sind ‚Räume, in denen der mensch aufatmet und alle Funktionalitäten unterbricht‘ (Garhammer). Feste sind heilige Zeiten.“ …

„Demokrit hat das Fest als Rasthaus auf dem Weg unseres Lebens verstanden: ‚Leben ohne Feste ist wie ein langer Weg ohne Rasthäuser.‘ Feste unterbrechen die Eintönigkeit des Alltags. Unser Leben ist ein ständiges Unterwegssein. Doch wir können nicht immerzu wandern. Wir brauchen auf unserem Weg Rasthäuser, sonst ermüden wir. … Wir können unseren Weg nur dann freudig und beschwingt gehen, wenn wir wissen, dass uns auf dem Weg immer wieder eine Rast erwartet. Rast hat mit Ruhe zu tun. … Wir brauchen immer wieder ein Rasthaus, in das wir einkehren können, damit der Weg nicht zu beschwerlich wird und uns zur Umkehr zwingt. Kehren heißt: wenden, umwenden, verwandeln. Wer einkehrt, der geht verwandelt weiter. Feste sind eine Einkehr auf unserem Weg, damit wir verwandelt weitergehen können, anstatt zum Ausgangspunkt zurückkehren zu müssen.“

Friedrich Schleiermacher hat einmal gesagt: Der Gottesdienst ist Fest. Dann ist die Kirche ein solches Rasthaus. Wie spannend, diesem Gedanken nachzugehen. Was wäre das für ein Fest, ihn auch im Gemeindeleben fruchtbar zu machen.

Abgeschickt

Heute habe ich es endlich abgeschickt – das Projekt, an dem ich insgesamt knapp acht Jahre gearbeitet habe. Natürlich nicht ununterbrochen, sonst wäre ich – wie so manch anderer aus meinem Freundeskreis – wohl schon nach drei Jahren fertig gewesen. Aber ich habe daneben ja auch meistens Vollzeit gearbeitet, unsere beiden Töchter wurden geboren, eine kurze Zeit der Arbeitslosigkeit mußte verkraftet werden, ein Stellenwechsel und das Einarbeiten in einen der schönsten Berufe, die es auf Gottes Erdball gibt.

Aber nichtsdestotrotz: Es ist fertig, abgeschickt – und nun sollen andere, konkret: ein ganz bestimmter Mensch mal schauen, was er davon hält. Und dann, vielleicht schon Ende Januar, würde ich dann „einreichen“ – wie man so schön sagt.

Weihnachten kann kommen, nach acht Jahren endlich mal wieder eines, das nicht vom Druck „Du müßtest eigentlich noch“ geprägt sein wird. Lassen wir die Korken knallen!

Kaum zu glauben: Barths KD kann doch weiterhelfen!

Im studiVZ gibt es eine Gruppe mit dem vielsagenden Namen „Karl Barth treibt uns in den Wahnsinn“. Und das stimmt ja auch: denn wer soll das alles eigentlich lesen?? Und wenn es nach mir geht, dann reicht es sowieso, wenn man ausführlich Schleiermacher studiert.

Nun hatte ich in den letzten Tagen so ein komisches „Kribbeln“ am Hinterkopf, das auf eine falsche Sitzhaltung am Arbeitsplatz zurückzuführen ist. Meine weise Frau hatte dann die rettende Idee: „Du mußt Deinen Bildschirm höherstellen.“ Nichts leicher als das: Band I,2 der KD von Barth – und alles ist wieder gut! 😉

Nun habe ich doch noch eine Möglichkeit gefunden, wie Barth mir weiterhilft! *lach*

„Kirchenverbesserung“?

Ein langer und heißer Tag geht zu Ende – mit viel Inhalt, vielen Gesprächen über multimediale Kanäle, hohen Temperaturen, netten Begegnungen, Zeit für die Familie (wenn auch wieder wenig), kurze Zeit zum Einkaufen – und dazwischen? „Im Auftrag des Herrn unterwegs“ – wie es so schön heißt.

Heute habe ich mich bei Friedrich Schleiermacher über das Thema „Kirchenverbesserung“ aufklären lassen. Was ist das eigentlich? Nun: In seiner Christlichen Sittenlehre hat er die Kirchenverbesserung (übrigens neben der Kirchenzucht – noch so ein toller Begriff) im Rahmen des „reinigenden und wiederherstellenden Handelns“ (schon wieder so zwei Begriffe…).

Worum geht es? Es geht darum, dass die Kirche (oder wie wir Freikirchler sagen: Gemeinde) aufgrund ihres eigenen als unvollkommen zu bezeichnenden Zustandes eines reinigenden Handelns bedarf, das einmal von der Gemeinschaft ausgeht und auf den Einzelnen zielt (dann ist es Kirchenzucht), oder das vom Einzelnen auf die Gemeinschaft wirkt (das ist die Kirchenverbesserung).

Nun haben ja ziemlich viele Menschen in der Kirche Ideen zu deren Verbesserung. Ich natürlich auch! 🙂 Deshalb ist es aber so wichtig, zu sehen, wie so etwas sich dann auch gelingend vollziehen kann. Und da hat Schleiermacher eine geniale Idee (finde ich!): Alles Verändern beginnt bei einem selbst. Klingt einleuchten, nicht gerade neu, aber doch irgendwo genial. Wenn wir uns das mal klar machen, was das genau heißt… Veränderung beginnt bei mir – und nur bei mir.

Aber dann: Diese meine Überzeugung, dass sich an einigen Stellen – wohlgemerkt der Kirche, nicht an anderen Menschen – etwas ändern muss, soll in einem zweiten Schritt nun andere Einzelne erreichen. Dadurch wird eine Überzeugung also gewissermaßen salonfähig gemacht. Man redet miteinander. Bespricht die Dinge, die einen bewegen. Sucht gemeinsam nach Lösungsansätzen und Wegen. Klingt höchst spannend, würde ich sagen.

Um es abzukürzen: Die Überzeugung gewinnt am Ende soviel Raum, dass die Gesamtheit erreicht wird. Damit hört das reinigende Handeln durch Kirchenverbesserung dann auch schon auf. Wenn eine neue Überzeugung die Gesamtheit der Gemeinde ergriffen und erreicht hat, ist Schluss mit der Kirchenverbesserung – freilich bis zur nächsten Verbesserungsidee.

Bis hierhin kein Problem, oder? Jetzt aber kommt der Knackpunkt: Hinter allem Handeln steht das Vorbild Jesu Christi. Sein Handeln ist leitendes Vorbild für alles Handeln in der Kirche – also auch die „Verbesserung der Kirche“. Klingt eigentlich schön postmodern, wenn es nicht von Schleiermacher vor 200 Jahren geschrieben worden wäre.
Gemerkt habe ich mir, mit welchem Vers Schleiermacher das alles zusammenbringt: Epheser 4,15 mit seinem „wahrhaftigsein in der Liebe“ – das ist die hohe Latte des Vorbildes Jesu, die auch unseren gegenseitigen Umgang prägen soll:

„Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus.“

Wenn wir das schaffen, dann verbessern wir die Kirche (oder eben Gemeinde) definitiv.