jesus, schleiermacher und steve jobs

»Es gibt aber Menschen, deren Entwikkelung über ihr Volk und ihre Zeit hinausgeht, und deren Entwikkelungsstufen hernach ins Gesammtleben übergehn; fördert aber der Einzelne das Gesammtleben durch Resultate, die vorher nicht da waren aber hernach ein Gemeingut werden, so steht das Ganze unter der Potenz des einzelnen Lebens.« (Friedrich Schleiermacher, Leben Jesu-Vorlesungen, S. 11)

Es gibt Menschen in unserer gesellschaftlichen Entwicklung, die nachhaltig dafür gesorgt haben, die Welt zu verändern und dafür zu sorgen, dass sie auch nach ihrem Abschied von der Erde nicht nur in Gedanken unter uns sind.

Zweifellos ist Jesus Christus der aus der in der Überschrift zu diesem Post genannten Reihe der markanteste und bedeutungsvollste Mensch. Jesus Christus hat es wie kein zweiter geschafft, uns den Himmel auf die Erde zu holen – dies in einer Weise, die sich vorher so keine gedacht hatte und das ist bei den meisten Menschen auch heute noch so. Jesus Christus hat uns Gott als Vater gezeigt und uns gleichzeitig vorgelebt, wie wahres Leben, Leben, wie es sich der Schöpfer von Anfang an gedacht hatte, aussehen kann. Es ist ein Leben der Fürsorge und des Daseins für den anderen. Ein Leben also, das Dienst am anderen ist. Die Gemeinschaft, die sich von Christus her ableitet, und die wir gemeinhin als Kirche bezeichnen, hat sich an diesem Vorbild zu orientieren, ja sollte diesen Christus abbilden und deshalb im besten Sinne Dienstleisterin für unsere Gesellschaft sein. Dass sie es häufig genug ist, ist ein bedauernswerter Zustand aber dennoch kein Grund zur Resignation. Vielmehr ein Aufruf an alle in der Kirche aktiven, diesen Zustand zu ändern und der Vision Gottes näher zu kommen.

Friedrich Schleiermacher (der Kirchenvater der Neuzeit) hat wie kein zweiter in der nachaufklärerischen Phase dazu beigetragen, dass insbesondere das kirchlich-dogmatische Denken der evangelischen Kirche Veränderung und eine Anpassung an die gesellschaftlichen Entwicklungen der damaligen Zeit durch die Aufklärung erfahren hat. Diese Wirkung ist freilich nicht mit derjenigen von Jesus Christus zu vergleichen. Dennoch hat Schleiermacher dafür gesorgt, dass sein Kirchenverständnis bis heute kräftig genug ist, insbesondere die evangelisch kirchliche Landschaft zu prägen und zu beeinflussen. Es ist sein Verdienst, die Kirche als Dienstleisterin zu zeigen, die sich im Gefolge Jesu Christi darum zu bemühen hat, diesen Christus leibhaftig abzubilden und den Menschen damit Gottes Vision vom gemeinsamen Leben vor Augen zu malen.

Die Nennung von Steve Jobs in dieser Reihe wird dem geneigten Leser dieses Blogs evtl. etwas sonderbar anmuten – Recht so! Jobs war kein Messias und auch kein Kirchenvater der Neuzeit. Aber – wie wir alle wissen – hat Jobs die Welt durch sein Dasein an der Schnittstelle von Geisteswissenschaft und Technologie ebenfalls nachhaltig verändert. Als Visionär und Gründer von Apple hat er nicht nur dafür gesorgt, dass es Rechner auf diesem Planeten gibt, die auch wirklich laufen. Er hat es wie kein anderer geschafft, die Welt miteinander zu verbinden durch Innovationen, die vorher nicht da waren. Und damit trifft das Zitat Schleiermachers auch auf ihn zu. In seiner Biographie geschrieben von Walter Isaacson wird Jobs zudem mit einem denkwürdigen Satz zitiert. Ein Buddhist lässt uns Christen aufhorchen und hinterlässt uns damit eine Botschaft, die hoffentlich auch zeitlos und nachhaltig wirkt. Es lohnt sich, über diesen Satz längere Zeit zu meditieren:

„Das Christentum verliert an Kraft, wenn es sich zu sehr auf den Glauben stützt, statt nach dem Vorbild von Jesus zu leben oder die Welt mit dessen Augen zu sehen“. (Isaacson, Steve Jobs, S. 34).

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Gemeindebau à la Schleiermacher

„So macht Unterscheidung die Kirche gerade reicher, und die vorläufige Fixierung von Gegensätzen bringt den Prozess der lebendigen Circulation erst richtig in Bewegung. […] [Alles ist] auf Bewegung, Dynamik, Prozess, Wachsen und Werden von Kirche angelegt, weil der Heilige Geist das Band der Kirche ist, ein Geist, der zum Gemeingeist durch lebendige Circulation des religiösen Interesses in der Gemeinde werden will.“

Chr. Möller, Lehre vom Gemeindebau, Bd. 2, 24 (über Schleiermacher).

Ich beschäftige mich im Moment nicht nur beruflich immer wieder mit dem Thema Gemeindebau und -wachstum. Interessant, was Möller hier über Schleiermachers Ansatz schreibt: Die Unterscheidung von mehr Wirksamen und mehr Empfänglichen Menschen in der Gemeinde (eine Dissonanz, unter der insbes. Pastoren häufig leiden – ich auch!) soll fixiert, d.h. transparent gemacht und damit genutzt werden, um dadurch die zusammenstimmende Leitung der Gemeinde zu optimieren. Gerade also die Fixierung dieses Problem, also das Sich-bewußt-Machen dieses unausweichlichen Tatbestands jeder Gemeinde, kann letztlich sogar dazu verhelfen, Wachstum zu generieren und Gemeindebau zu erleben. – Ich finde das ermutigend und perspektivenreich.

Ich frage mich aber als Kirchenleitender dennoch: Wie kann ich denn nun dazu verhelfen, dass die Gemeinde lebendig und tätig ist in Gottesdienst, Erziehung und Diakonie?

Antwort Schleiermachers (nach Möller): „Je mehr Glieder der Gemeinde aktiv an diesen drei Bereichen beteiligt sind, umso besser! Ja, Schleiermacher regt sogar die Organisation eines Mitarbeiterkreises an, denn es gebe „kein anderes Mittel, den Gemeingeist zu erwecken, als indem man den Gliedern eine Thätigkeit anweist, wodurch sie davon die unmittelbare Erfahrung bekommen, daß sie zum WOhl des Ganzen etws leisten können‘ (483).“ (Möller, aaO, 28)

Dass also schon Schleiermacher an Gabenvielfalt dachte und Befähigungen durch Neigungen, liegt offensichtlich auf der Hand. Auch stand ihm als Vorbild für seine Vorstellung von einer wahren Kirche die Herrnhuther Brüdergemeine und die amerikanischen Freikirchen (!) vor Augen (vgl. Möller, aaO, 19). – Ich fühle mich bestätigt darin, dass wir Gabentests etc. durchführen, zumindest dann, wenn sie das hier beschriebene Ziel verfolgen.

Ausgedruckt!

Für alle, die wissen, was ich meine: Ich möchte mit Euch meine Freude teilen darüber, dass ich gestern das opus ausgedruckt und für den Copyshop vorbereitet habe. Morgen bringe ich es hin und werde danach mit ca. 6000 Kopien zur Buchbinderei fahren und das Ding binden lassen, während ich mich auf dem theologischen Konvent der Pastorenschaft des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (Baptisten) in Deutschland K.d.ö.R. sowie auf der sogenannten Vikariatsabschlusstagung, die eigentlich „Abschlusstagung der Pastorinnen und Pastoren im Anfangsdienst“ heißen müßte (weil wir ja bekanntlich KEIN Vikariat machen 🙂 ), befinde. Und dann ist es auch schon soweit: Am 16. März fahre ich nach Tübingen und reiche ein. Preist den Herrn!!!

Meine Güte, kostet das übrigens eine Schweinekohle…

Und jetzt schnell weiter – diese Woche stehen in der Predigtreihe an: Brotrede und Licht-Wort.

Feste Feiern

Eine der Kernkompetenzen unserer Gemeinde ist aus meiner Sicht (aber mit Sicherheit 😉 ) die Gabe der Gastfreundschaft und damit verbunden die Gabe, Feste zu Feiern bzw. feste zu Feiern. Zwar hören das manche schon garnicht mehr so gerne, wenn ich es immer wieder betone, aber es ist so. Und es war ein Grund für uns, als Pastorenfamilie genau hierher nach Bad Kreuznach zu kommen.

Nun lese ich gerade wieder mit sehr viel Gewinn für mich selbst das hochinteressante, bereichernde, weiterbringende, lesenswerte und deshalb empfehlenswerte Buch von Anselm Grün mit dem Titel „Im Zeitmaß der Mönche, Vom Umgang mit einem wertvollen Gut„. Er schreibt darin unter anderem im Abschnitt „Vom Rhythmus des Jahres und vom Zyklus der Feste“ (s. 71ff.) folgendes:

„Das Jahr ist von Festen durchbrochen, die der Zeit ein immer anderes Gepräge verleihen. … Die Feste erinnern die Menschen an die Urzeit, an die ursprünglich heilige Zeit und schenken ihnen Anteil daran. Die Feste sind wie eine Erneuerung der Zeit aus dem Ursprung heraus. Indem am Fest die heilige Zeit in unsere vergängliche Zeit einbricht, bekommt die verbrauchte Zeit wieder ihre Frische. Am Fest wird mitten in der Zeit das Ewige erfahrbar. Das Fest transzendiert den Alltag und gibt der Zeit, die ausgenutzt wird eine andere Qualität. … Feste sind ‚Räume, in denen der mensch aufatmet und alle Funktionalitäten unterbricht‘ (Garhammer). Feste sind heilige Zeiten.“ …

„Demokrit hat das Fest als Rasthaus auf dem Weg unseres Lebens verstanden: ‚Leben ohne Feste ist wie ein langer Weg ohne Rasthäuser.‘ Feste unterbrechen die Eintönigkeit des Alltags. Unser Leben ist ein ständiges Unterwegssein. Doch wir können nicht immerzu wandern. Wir brauchen auf unserem Weg Rasthäuser, sonst ermüden wir. … Wir können unseren Weg nur dann freudig und beschwingt gehen, wenn wir wissen, dass uns auf dem Weg immer wieder eine Rast erwartet. Rast hat mit Ruhe zu tun. … Wir brauchen immer wieder ein Rasthaus, in das wir einkehren können, damit der Weg nicht zu beschwerlich wird und uns zur Umkehr zwingt. Kehren heißt: wenden, umwenden, verwandeln. Wer einkehrt, der geht verwandelt weiter. Feste sind eine Einkehr auf unserem Weg, damit wir verwandelt weitergehen können, anstatt zum Ausgangspunkt zurückkehren zu müssen.“

Friedrich Schleiermacher hat einmal gesagt: Der Gottesdienst ist Fest. Dann ist die Kirche ein solches Rasthaus. Wie spannend, diesem Gedanken nachzugehen. Was wäre das für ein Fest, ihn auch im Gemeindeleben fruchtbar zu machen.

Abgeschickt

Heute habe ich es endlich abgeschickt – das Projekt, an dem ich insgesamt knapp acht Jahre gearbeitet habe. Natürlich nicht ununterbrochen, sonst wäre ich – wie so manch anderer aus meinem Freundeskreis – wohl schon nach drei Jahren fertig gewesen. Aber ich habe daneben ja auch meistens Vollzeit gearbeitet, unsere beiden Töchter wurden geboren, eine kurze Zeit der Arbeitslosigkeit mußte verkraftet werden, ein Stellenwechsel und das Einarbeiten in einen der schönsten Berufe, die es auf Gottes Erdball gibt.

Aber nichtsdestotrotz: Es ist fertig, abgeschickt – und nun sollen andere, konkret: ein ganz bestimmter Mensch mal schauen, was er davon hält. Und dann, vielleicht schon Ende Januar, würde ich dann „einreichen“ – wie man so schön sagt.

Weihnachten kann kommen, nach acht Jahren endlich mal wieder eines, das nicht vom Druck „Du müßtest eigentlich noch“ geprägt sein wird. Lassen wir die Korken knallen!

Kaum zu glauben: Barths KD kann doch weiterhelfen!

Im studiVZ gibt es eine Gruppe mit dem vielsagenden Namen „Karl Barth treibt uns in den Wahnsinn“. Und das stimmt ja auch: denn wer soll das alles eigentlich lesen?? Und wenn es nach mir geht, dann reicht es sowieso, wenn man ausführlich Schleiermacher studiert.

Nun hatte ich in den letzten Tagen so ein komisches „Kribbeln“ am Hinterkopf, das auf eine falsche Sitzhaltung am Arbeitsplatz zurückzuführen ist. Meine weise Frau hatte dann die rettende Idee: „Du mußt Deinen Bildschirm höherstellen.“ Nichts leicher als das: Band I,2 der KD von Barth – und alles ist wieder gut! 😉

Nun habe ich doch noch eine Möglichkeit gefunden, wie Barth mir weiterhilft! *lach*

„Kirchenverbesserung“?

Ein langer und heißer Tag geht zu Ende – mit viel Inhalt, vielen Gesprächen über multimediale Kanäle, hohen Temperaturen, netten Begegnungen, Zeit für die Familie (wenn auch wieder wenig), kurze Zeit zum Einkaufen – und dazwischen? „Im Auftrag des Herrn unterwegs“ – wie es so schön heißt.

Heute habe ich mich bei Friedrich Schleiermacher über das Thema „Kirchenverbesserung“ aufklären lassen. Was ist das eigentlich? Nun: In seiner Christlichen Sittenlehre hat er die Kirchenverbesserung (übrigens neben der Kirchenzucht – noch so ein toller Begriff) im Rahmen des „reinigenden und wiederherstellenden Handelns“ (schon wieder so zwei Begriffe…).

Worum geht es? Es geht darum, dass die Kirche (oder wie wir Freikirchler sagen: Gemeinde) aufgrund ihres eigenen als unvollkommen zu bezeichnenden Zustandes eines reinigenden Handelns bedarf, das einmal von der Gemeinschaft ausgeht und auf den Einzelnen zielt (dann ist es Kirchenzucht), oder das vom Einzelnen auf die Gemeinschaft wirkt (das ist die Kirchenverbesserung).

Nun haben ja ziemlich viele Menschen in der Kirche Ideen zu deren Verbesserung. Ich natürlich auch! 🙂 Deshalb ist es aber so wichtig, zu sehen, wie so etwas sich dann auch gelingend vollziehen kann. Und da hat Schleiermacher eine geniale Idee (finde ich!): Alles Verändern beginnt bei einem selbst. Klingt einleuchten, nicht gerade neu, aber doch irgendwo genial. Wenn wir uns das mal klar machen, was das genau heißt… Veränderung beginnt bei mir – und nur bei mir.

Aber dann: Diese meine Überzeugung, dass sich an einigen Stellen – wohlgemerkt der Kirche, nicht an anderen Menschen – etwas ändern muss, soll in einem zweiten Schritt nun andere Einzelne erreichen. Dadurch wird eine Überzeugung also gewissermaßen salonfähig gemacht. Man redet miteinander. Bespricht die Dinge, die einen bewegen. Sucht gemeinsam nach Lösungsansätzen und Wegen. Klingt höchst spannend, würde ich sagen.

Um es abzukürzen: Die Überzeugung gewinnt am Ende soviel Raum, dass die Gesamtheit erreicht wird. Damit hört das reinigende Handeln durch Kirchenverbesserung dann auch schon auf. Wenn eine neue Überzeugung die Gesamtheit der Gemeinde ergriffen und erreicht hat, ist Schluss mit der Kirchenverbesserung – freilich bis zur nächsten Verbesserungsidee.

Bis hierhin kein Problem, oder? Jetzt aber kommt der Knackpunkt: Hinter allem Handeln steht das Vorbild Jesu Christi. Sein Handeln ist leitendes Vorbild für alles Handeln in der Kirche – also auch die „Verbesserung der Kirche“. Klingt eigentlich schön postmodern, wenn es nicht von Schleiermacher vor 200 Jahren geschrieben worden wäre.
Gemerkt habe ich mir, mit welchem Vers Schleiermacher das alles zusammenbringt: Epheser 4,15 mit seinem „wahrhaftigsein in der Liebe“ – das ist die hohe Latte des Vorbildes Jesu, die auch unseren gegenseitigen Umgang prägen soll:

„Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus.“

Wenn wir das schaffen, dann verbessern wir die Kirche (oder eben Gemeinde) definitiv.