Marathon

Im Schulsport haben mich immer alle ausgelacht. „Vier gewinnt“ – damit habe ich es immerhin bis zum Abitur geschafft. Sportlich war ich eigentlich nie – zumindest gemessen an den schulischen Erwartungen und Standards der 80er und 90er Jahre. Einzige Ausnahme: Ausdauer – der sogenannte Cooper-Test, darin war ich nicht ganz so schlecht…

Alles begann im April 2013. Nach einem Besuch des Ostergartens meiner Gemeinde saßen wir mit Freunden noch gemütlich beisammen. Zwei von ihnen erzählten begeistert von „ihrem“ Lauf beim Gutenberg-Marathon. Seit ich Pastor in Bad Kreuznach bin, habe ich meine sportlichen Aktivitäten auf die Straße (früher Fitnessstudio) verlegt. Besagter Abend war der letzte Meilenstein, es endlich anzugehen: „Mein Projekt Marathon„. Ich kaufte mir die (von einem der beiden) empfohlenen Laufschuhe und fühlte mich gleich wie ein Finisher. 🙂

Rund vier, fünf Monate später meldete ich mich tatsächlich an und ließ mir (wie für Geisteswissenschaftler üblich) empfehlenswerte Literatur von Herbert Steffny (der schon Joschka Fischer zum Marathon coachte) schenken. Das Training mündete damit Anfang Januar 2014 in seine Endphase. Ich hielt mich an den 10-Wochen-Trainingsplan mit Zielzeit unter 4 Std., war angemeldet mit einer vermuteten Zielzeit von 4:30 Std. Ankommen ist beim Debüt das wichtigste.

Fortan trainierte ich dreimal die Woche (wenn es ging) – an jedem freien Montag seit Januar (bis auf sehr wenige Ausnahmen) mindestens einen Halbmarathon, teilweise bis zu 36 km. Bei meiner zweiten 36-Runde schaffte ich sogar meine eigene Halbmarathon-Bestzeit – machte dafür jedoch ab km 30 mit dem „Mann mit dem Hammer“ Bekanntschaft. Eine heilsame Erfahrung im Training, die mir im Rennen zugute kam.

Am 10. Mai 2014 „checkte“ ich mit rund 7300 Läuferinnen und Läufern in der Rheingoldhalle ein. Eintauchen in die Welt des Laufens, Läufermesse, Pasta-Party, Vorstellung der Eliteläufer, ökumenischer Gottesdienst im Mainzer Dom, nochmals Pasta im Aposto, danach zurück ins Hotel.

Echte Medaille11. Mai 2014: Der Tag, auf den ich über ein Jahr hingearbeitet hatte (solche Sätze kannte ich bis dahin nur aus dem Fernsehen…). Schon vor dem auf 06:30 Uhr gestellten Wecker wurde ich wach – rein in die Klamotten und ab zum Frühstück. Maximal möglicher Konsum an Kohlenhydraten. Packen, aus-checken, Marsch zum Start. Langes Warten am Start bei Temperaturen um 10°C, meine Finger wurden immer weißer. Nach einer gefühlten Ewigkeit endlich auch Start frei für Startblock 5. Running-App und meine uralte Polar-Uhr starten und hoffen, dass die Finger so schnell wie möglich wieder auftauen (bei km 6 waren sie wieder durchblutet).

Es war fantastisch! Dieses Gefühl: Mit 7300 Leuten durch die Mainzer Innenstadt und ihre Stadtteile mit nur einem Ziel: Ankommen! (Innerlich hoffte ich, die 4-Std.-Marke zu knacken) Das Wetter zeigte sich in seiner ganzen Vielfalt: Starkregen, Sonne, Windböen, Kälte, Wärme usw. Die totale Abwechslung.

Rückblickend bin ich die erste Schleife zu vorsichtig angegangen. In der „Hölle von Weisenau“ ermutigte mich die Begegnung mit einer Jugendlichen meiner Gemeinde. Nach gut zwei Stunden war die erste Runde geschafft. Ein erhebendes Gefühl, in die zweite einzusteigen und zu wissen: Die Hälfte hast Du – jetzt geht’s ans Eingemachte. Plötzlich war ich scheinbar allein unterwegs.

Die Theodor-Heuss-Brücke war nicht so schlimm wie erwartet (mein Weinberg-Training zahlte sich aus), der Lauf durch Kastel sehr nasskalt, bei der zweiten Brückenüberquerung schien aber schon wieder die Sonne. Ich hatte ab km 21 das Tempo bereits leicht angezogen und fühlte mich sehr gut – in großer Erwartung auf km 30 und das Danach. Doch es kam alles anders! Als ich das Schild mit der 30 erblickte, fühlte ich mich stark, keineswegs müde, auch nicht erschöpft – statt Mann mit Hammer hörte ich eher eine innere Stimme: „Komm, gib Gas, Junge – dann knackst Du die 4 Std. vielleicht noch!“ Von da an begann eine Überholjagd, die ich bis ins Ziel durchhielt. Kein konditioneller Einbruch. Und Dank der die Rennstrecke säumenden Mainzer (die uns Marathonis mit Vornamen anfeuerten) wollte keiner anhalten – ganz im Gegenteil!

Motiviert bis in die Fußsohlen im wahrsten Sinne des Wortes lief ich meinen Lauf zu Ende und kam ganz knapp über 4 Std. ins Ziel. Völlig glücklich, die Augen durch das körpereigene Salz benebZeit Nike-Appelt, Erdinger alkoholfrei und Kuchen, Telefonat mit der Liebsten, Stretchen – und: Glücklich sein.

Diese Erfahrung (oder Erlaufung?) hat mein Leben nachhaltig verändert. Schon einiges habe ich in meinem Leben erreichen dürfen: die beste
Frau der Welt geheiratet, Fallschirmsprung, viele Reisen, Doktorarbeit usw. Aber dass ich – die Sportniete der 80er und 90er – einen Marathon laufe, das habe ich lange nicht für möglich gehalten.

Muskelkater hatte ich übrigens nur drei Tage lang in den Oberschenkeln. Die waren nach einer knappen 10er-Runde am Mittwoch nach dem Marathon weg. Und: Das nächste Mal greife ich die 4-Std.-Marke an (ohne Pipipause habe ich sie übrigens schon geknackt – das zeigt die Laufapp, die bei jedem Stopp das Training unterbricht).

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pilgern

Ich habe das Buch von Hape Kerkeling gelesen. Ich habe verfolgt, wie Christopher innerhalb Deutschlands gepilgert ist. Ich habe eine gute Freundin aus Tübingen, die Pilgerfreizeiten in Spanien durchgeführt hat…

Heute nun wurde ich gezwungen, 11 km zu pilgern. Die Geschichte dazu: Ich wollte mit dem Fahrrad einen Besuch im 11 km entfernten Sprendlingen machen (Martina brauchte mit den Kids das Auto). Auf den letzten Kilometern verließ mich der Hinterreifen. Mein Glück: Das spielte sich in der Nähe von Pfaffen-Schwabenheim ab – berühmt durch seine Klosterkirche. Dort wohnen liebe Menschen aus unserer Gemeinde, bei denen ich mein Fahrrad abstellen durfte. Weil die nächsten Stunden (!) kein Bus nach Bad Kreuznach fuhr, war ich gezwungen, den gesamten Weg durch die sommerlichen Weinberge aber auch entlang der vielbefahrenen B 41 nach Hause zu laufen. Zum Glück hatte ich wenigstens Wasser bei mir. Aber meine Füße sagen mir jetzt: Das ist nicht Dein Ding – das Pilgern. Vielleicht lag es aber auch ganz einfach nur an der unvorbereiteten Situation, dem falschen Schuhwerk usw.

Der Besuch ist geplatzt und muss verschoben werden. Das Fahrrad muss abgeholt werden – toll, dass es solche netten Menschen in der Gemeinde gibt! 🙂 Und meine Füße müssen sich jetzt entspannen…

Ich überleg’s mir dennoch, ob ich mal pilgern soll – wo doch der Jakobsweg sozusagen direkt vor unserer Haustüre vorbei führt… Dann bin ich auch besser vorbereitet.

Adé 2008

Es ist kaum zu glauben, aber das Jahr 2008 ist schon wieder zu Ende – Zeit, um ein wenig Rückschau zu halten.

Es war ein spannendes und abwechslungsreiches, schönes und gutes, anstrengendes und belastendes, aber rückblickend ein Jahr, das für uns als Familie glücklich und zufrieden zu Ende geht.

Absoluter Höhepunkt war die Geburt von Marielle im Februar. Sie wird bald schon ein Jahr alt und ist ein stets gut gelauntes kleines Frauchen, das das Leben in vollen Zügen genießt, alles mitnimmt, was sie bekommen kann, die Welt mehr und mehr selbst zu entdecken beginnt und sich einfach toll entwickelt. Sie ist gesund und munter und es ist eine wahre Freude, dieses blühende Leben und Energiebündel genießen und begleiten zu dürfen.

Anneli hat eine rasante Entwicklung durchgemacht. Alles, was mit Kreativität, Aktivität, Musikalität zu tun hat, ist ihres. Mit ihrer ganzem Power bringt sich sich im Kindergarten ein, singt, malt, bastelt und sportelt gerne, und all das tut sie sehr gerne auch zuhause, in der Turnhalle, oder wo sie sonst gerade ist. Es macht Spaß zu erleben, wie man immer mehr mit ihr kommunizieren kann, wie sie Dinge und Zusammenhänge immer besser versteht und mit einer großen Aufgeschlossenheit und – sagen wir es ruhig und trotz ihres Alters – sozialen Kompetenz auch in der Lage ist, andere mit einzubinden in die Gemeinschaft. Sie entwickelt auch so etwas wie Führungsqualitäten… O.k., o.k., hier spricht der stark idealisierende Vater… 🙂

Martina und ich sind überglücklich miteinander. In diesem Jahr durften wir unser 15. Ehejubiläum feiern, und wir sind immer noch sehr sehr glücklich. Die Arbeit an der Beziehung hat sich gelohnt und lohnt sich immer noch. Das ist ein hohes Gut, das wir niemals aufgeben wollen – und es ist ein starkes Fundament, um sich den Herausforderungen, Bedrängnissen und Problemen des Lebens gemeinsam stellen zu können. Ohne dieses Fundament, das wir u.a. auch unseren Mentoren zu verdanken haben, die uns in dieses Leben, das wir führen, hineinbegleitet haben, könnten wir unser Leben nicht in der Weise gestalten, wie wir es tun.

Martina hat in diesem Jahr viel Gutes in ihrer Fortbildung zur kreativen Leibtherapeutin erreicht, erfahren und erlebt. Sie ist dadurch gewachsen und gereift und schon jetzt ein tolle Therapeutin. Entgegen kam ihr die Möglichkeit der Umzertifizierung – aus der Gestaltungssoziotherapeutin wurde so eine Kunsttherapeutin. Toll! – Auch als Mutter ist sie natürlich stark ausgelastet, ging teilweise bis an die Grenzen des physisch Machbaren. Es ist schön und erschwerend zugleich, das Leben als Familie mit Kleinkind – aber es ist auch beglückend.

Das Leben als Pastor in der Gemeinde war von vielen Aufs und Abs geprägt. Vieles war nötig an Gesprächen, Kommunikation gelang mal mehr, mal weniger, Prozesse wurden auf den Weg gebracht oder fortgesetzt, gestaltet. Insgesamt waren und sind wir dabei, in und mit der Gemeinde in einen Prozess einzusteigen, der unser Gemeindeleben nicht nur für uns selbst, sondern auch für Menschen in unserer Stadt, unserem Umfeld relevant macht. Dazu waren einzelne Stationen unseres Gemeindelebens wichtig, die dazu beigetragen haben, uns teils mit uns selbst zu beschäftigen, um uns dadurch über unsere Kernkompetenzen und das, was Gott von uns möchte, klar zu werden. Dazu waren und sind Stationen nötig, die uns nun immer mehr über den eigenen Tellerrand schauen lassen, zum Beispiel in unsere direkte Nachbarschaft – aber auch anderswohin. Hier bin ich noch sehr am lernen, wie das gehen kann, Reich Gottes zu bauen mit Menschen an einem ganz bestimmten Ort, mit meinen Möglichkeiten und Defiziten, mit den Möglichkeiten und Defiziten der anderen, und der wundervollen Möglichkeit gegenseitigen Ergänzens. Das Vikariat ist bald auch vorbei, eine gute Perspektive für das kommende Jahr. Auch Dive Deeper war eine Erfahrung dieses Jahres, die ich nicht missen möchte. In einem funktionierenden, hochmotivierten und begeisterungsfähigen Team einen solchen Kongress durchführen zu dürfen, war für mich gleichermaßen eine hohe Ehre wie ein Riesengeschenk, von dem ich auch geistlich immer noch für meinen Alltag profitiere. – Ich konnte in diesem Jahr auch „mein Projekt“ abschließen und hoffe nun auf einen Komplettabschluss in 2009. Außerdem habe ich mich wieder verstärkt meinen beiden Hobbies, dem Laufen und Kochen widmen dürfen – das bringt mir immer wieder die Möglichkeit, abzuschalten und mich mal mit ganz anderem zu beschäftigen.

Summa: Das Jahr geht gut und glücklich zu Ende. Was bleibt, sind die Fragen, wie 2009 wohl werden wird. Einiges ist schon jetzt klar – anderes muss geklärt werden – wieder anderes wird sich ergeben. Ich blicke dem neuen Jahr hoffnungsvoll entgegen. Und ich wünsche allen Lesern einen guten und gesegneten Übergang ins neue Jahr 2009.