wenn einer eine reise tut…

Auf längeren Autofahrten spielen wir mit unseren Kindern gerne das Spiel „Ich packe meinen Koffer…“. Erstaunlich, was uns da so alles einfällt und was wir mitzuschleppen bereit wären. Hochinteressant auch, wie sehr unsere Kinder in der Lage sind, sich diese langen Listen zu merken. Wenn wir „eine Reise tun“: Was haben wir da so alles im Gepäck? Welche Ziele peilen wir an? Wohin führt uns unser Weg? – Eine Bibelarbeit zum Thema „Reisen“ über 1. Mose 12,1f. und Lukas 10.

„Haben Sie noch »Last Minute«?“ – so lautete die Standardfrage der schon leicht genervten Passanten auf dem Reisemarkt am Stuttgarter Flughafen, wo ich als Student für einen Reiseveranstalter arbeitete. Dieselbe Frage an jedem Schalter – und überall in etwa dieselbe Antwort. Die Reiselust der Deutschen ist ungebrochen: In uns lebt eine starke Sehnsucht nach Weite, Abschalten, Sonne, Strand und Meer, Freiheit, Palmen, Erholungs- bzw. Aktivurlaub. Einmal im Jahr dem Alltag „entfliehen“, alles hinter uns lassen, eine gute Zeit mit der Familie, Essen, Schlafen, Lesen, uns um nichts kümmern.

Wie ein roter Faden zieht sich das Thema Reise(n) auch durch die Bibel – jedoch unter völlig anderen Bedingungen. Fast von der ersten Seite an lesen wir über reisende Menschen – teils dazu berufen, teils genötigt.

Adam und Eva verlassen das Paradies (vielleicht sehnen wir uns deshalb so sehr danach?). Noah macht die erste „Megakreuzfahrt“. Abraham, Jakob und seine Söhne und das Volk Israel unter Mose, Aaron und Josua bereisen riesige Gebiete. Die Königin von Saba will Salomos Herrlichkeit und Weisheit sehen. Weise aus dem Morgenland kommen bis nach Bethlehem. Jesus wandert durch Palästina. Paulus, Petrus & Co. schippern mehrfach übers Mittelmeerraum. Stets geht es um viel mehr als Urlaub.

„Geh, Abraham, geh, mach Dich auf den Weg, ich zeig Dir neues Land“, haben wir als Kinder in der Sonntagsschule geschmettert. Es fasziniert mich, welch weite Strecken Abraham zurückgelegt hat. Ursprünglich aus Ur (heutiger Irak) unternimmt er ausgehend von Haran (heutige Türkei?) den Zug nach Kanaan (mit einem Ausflug nach Ägypten). Vielleicht hatte er nie vor, so eine weite Reise zu machen. Er folgte dem Ruf Gottes, unterwirft sich dessen Willen und: empfängt Segen. Segen ist nötig auf unserer Lebensreise. Ein gutes Wort, das mit uns geht. Lebensdienliche Verhältnisse auf und am Ende unserer Reise. Ein irischer Reisesegen verleiht Gottes gutem Wunsch für uns Ausdruck: „Mögen sich die Wege vor Deinen Füßen ebnen. (…) Bis wir uns wiederseh’n, möge Gott, der Herr, seine schützende Hand über dich halten jeden Tag.“

Abraham hat diese Erfahrung auf seiner langen Reise immer wieder gemacht. Die Zusage gilt auch uns (sogar für den Urlaub): Segen – das Gute Gottes empfangen.

Ich denke an Menschen, die zur Zeit verstärkt zu uns „reisen“. Sie kommen aus Abrahams Heimat oder aus Afrika. Ihre Lebensbedingungen nötigen sie dazu. Tausende von Kilometern, Strapazen, Gefahren, Traumata, die Angst vor Entdeckung liegen hinter ihnen. Viel Geld nehmen sie in die Hand, um ihren neu gewonnenen Glauben (und) in Freiheit leben können. Sie riskieren ihr Leben, lassen Freunde und Verwandte zurück, nehmen Trennung in Kauf, vertrauen sich Schleusern an, überqueren in völlig überfüllten Kähnen das Mittelmeer, besitzen oft nur noch das nackte Leben und die Kleidung, die sie am Leib tragen.

Nehmen wir sie gastfreundlich und mit offenen Armen auf? Ich schreibe diesen Artikel in derjenigen Woche, in der es Christen in Wien mit viel Zivilcourage vorbildlich gelingt, die Abschiebung von Laila P. zu verhindern.

Wir erleben momentan vielleicht eine der größten Völkerwanderungen, die die Welt je gesehen hat? Was tun wir angesichts der Tatsache, dass unser Gott einer ist, der sich aufmacht zu den Menschen, der arm wird und ein Flüchtling ist auf Erden, der ein einladendes, gastfreundliches Wesen hat und uns aufruft, den Armen, Schwachen und Fremden zu helfen und sie aufzunehmen?

Was haben wir im Gepäck? Bücher, Kleider, Badehose, Schnorchel? Sorgen, Ängste, Nöte, Streit? Mangel-, Gewalt- und Missbrauchserfahrungen? Kriegserlebnisse, Traumata, psychische Not? Oder eher: Erfolg, Reichtum, Macht, Glück, Sinn, Unabhängigkeit? – Und wo logieren wir, während andere ohne Gepäck im Asylantenheim unter teils widrigen Verhältnissen leben müssen und angesichts ihrer Abschiebung zittern?

Gott will, dass unsere Lebensreise für uns und andere zum Segen wird. Heimat, Erholung und Frieden sind für sie dann schon eher Attribute derjenigen Zukunftsperspektive unserer Lebensreise, wenn wir das Paradies erreicht haben. Die Reisenden der Bibel machen sich auf zu neuen Lebenshorizonten, in andere Wirklichkeitsräume. Sie begegnen unterschiedlichen Menschen, genießen Gastfreundschaft oder erleben Ablehnung, haben so einiges im Gepäck, erleben (oft im Rückblick) Gottes Segen.

Jesus begegnet dem reichen Zachäus, dem Gelähmten am Teich Bethesda oder dem blinden Bartimäus, den Schwestern Maria und Marta mit ihrem Bruder Lazarus, dem reichen Jüngling, der Frau am Jakobsbrunnen, Maria von Magdala und den Emmausjüngern nach Ostern. Und wird damit zum Vorbild! In Lukas 10 sendet er 70 Jünger als Fremde auf ihre Mission – abhängig von der Gastfreundschaft derer, auf die sie treffen. Beispiel und Vorbild auch für unser Verständnis von Reisen und Unterwegs-Sein: „Was Gott in der Welt tut, hat mehr damit zu tun, ein Fremder zu sein und Gastfreundschaft zu erleben, als die Kontrolle über Ressourcen und Antworten zu haben.“ (Alan Roxburgh) – Wir alle sind in unserem Leben Reisende, ein wanderndes Gottesvolk und haben hier keine bleibende Stadt (Hebr 13,14). Als seine Nachfolger lassen wir unser Gepäck zurück und werden bereit, Fremde und Heimatlose zu werden. Wir brauchen die Fürsorge des anderen. Auf dieser Reise eröffnen sich uns neue Wirklichkeitsräume und Welten, lebensdienliche Verhältnisse, in denen wir die Spuren von Gottes Wirken an uns und in der Welt erkennen und Heimat finden (vgl. Phil 3,20).

In diesem Sinne: Mach Dich auf den Weg! Mögen sich die Wege vor Deinen Füßen ebnen!

(Bibelarbeit erschienen in DIE GEMEINDE 14/2015 vom 12. Juli 2015)

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