In Klang gegossenes Gebet

Unscheinbar steht er am Rednerpult. Schlicht, einfach, in sich ruhend. Schon allein das äußere Erscheinungsbild ist für mich beeindruckend: Es hebt sich ab vom sonst üblichen Outfit eines Kongressredners – fast könnte man annehmen, es handele sich um seine Arbeitskleidung. Trachtenhemd, Lederhose, -weste, -mütze. Schwarzes Brillengestell. Schon in sich ein Kunstwerk.

Zuvor als Einstimmung Klänge eines Streichquartetts von Johann Sebastian Bach. Wir sind in Leipzig, der berühmten Bach-Stadt. Passend zu dem, was wir gleich erleben werden.

Durch seine Schlichtheit und Authentizität zieht Martin Schleske 8000 Menschen beim Leitungskongress in seinen Bann, nimmt uns mit hinein in seine Gedanken- und Glaubenswelt.

„Musik ist immer ein in Klang gegossenes Gebet.“

Gespannt lauschen wir seinem Vortrag über die „Heilige Verunsicherung“ in unserem Leben. Was kann man am Beispiel des Geigenbaus lernen für das Leben und den Glauben? Fasziniert höre ich ihm zu, sauge seine Gedanken auf, als wäre ich ein trockener Schwamm, der nur darauf wartet, gewässert zu werden. „Gott hat uns die Musik gegeben, damit wir die Welt ertragen können.“ – sagt Schleske und nimmt uns mit hinein in seine faszinierende, von christlicher Mystik wie philosophischer Weisheit durchdrungenen und dabei reichlich reflektierten Welt des Geigenbaus.

Ich fühle mich ihm gleich verbunden, spiele ich doch selbst seit meinem sechsten Lebensjahr auf einer Mittenwalder Geige (angeblich von Mathias Klotz – stimmt aber wohl leider nicht 😦 ).

Er holt mich ab mit seinen Gedanken vom Werkzeug, mit dem er der Geige und ihrem Resonanzkasten Form und letztlich Klang verleiht. Man kann mit einem abgestumpften Werkzeug immer noch seine Arbeit tun, weil es „schon noch reicht“ (ein oft gehörter Satz aus der Alltagspraxis eines Pastors). Aber: Mit einem abgestumpften Herz zu leben, bedeutet und erfordert ganz viel Kraft (vgl. Prediger 10,10)! Nur mit einem scharfen Eisen kann man eine gute Geige bauen. Ich beginne zu ahnen, was er mir als Pastor und Leiter einer Ortsgemeinde sagen möchte. „Leben bedeutet zu leben und zu gestalten, was Gott uns sagt.“ – Wie scharf oder stumpf ist mein Werkzeug, mit dem ich meine Gaben für Gott einsetze? Wie scharf oder stumpf bin ich selbst= Reicht es noch? Oder ist es geschärft? Bin ich scharf drauf, Gott mit ganzer Hingabe zu dienen?

Entlastend der Gedanke: Es ist nicht die Schuld des Eisens, dass es stumpf wird. Das liegt in der Natur der Sache. Es ist nicht schlimm, wenn wir stumpf werden, ermutigt Schleske mich. Aber es wäre fatal, wenn wir uns nicht schärfen ließen. „Wer sich schärfen lässt, erlebt seine Würde.“

Fasziniert von diesem Erlebnis stelle ich das Mitschreiben ein und sauge jeden seiner Gedanken als Ermutigung in mich auf. Und dann der Höhepunkt: Martin Schleske ergreift gegen Ende eine Geige, sein letztes Opus – drei Tage alt. „Ich spiele kein Musikstück – nur Töne.“ Und diese Töne erlebe ich als leibhaftes in Klang gegossenes Gebet. Einen gefühlten Vorgeschmack von Ewigkeit lang höre ich ihnen zu – und mit mir faszinierte und tief bewegte 7999 andere. Bis dieses Gebet der Töne einfließt in einen Choral, gespielt von einem Quartett bestehend aus Akkordeon, Balalaika, Klarinette und Violine – und dann singt die gesamte Halle erst leise summend dann laut bekennend miteinander „Großer Gott, wir loben Dich!“ – Diese Zeit der Anbetung Gottes im Klang der Worte und Instrumente gehört für mich zum formvollendetsten, und besten aller Plenarveranstaltungen, die ich je bei Willowcreek erleben durfte. Dankbar, dabei gewesen sein zu dürfen.

„Unsere Fragen sollen uns zu Suchenden machen, unsere Visionen zu Hoffenden, unsere Sehnsucht zu Liebenden.“ (Schleske, Klang, 17)

Ich mache mich gerne auf diesen Weg – und nehme meine Geige mit.

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